Journalistischer Schreibkurs

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Zeitzeugengespräch - Ernst Grube

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vortrag grube"Wir wussten nichts, wir ahnten viel..."
Mit dem Zeitzeugen Ernst Grube im Gespräch

Eine Reportage von Stefanie Sattler
(Leiterin Wahlkurs "Journalistisches Schreiben")

Da sitzen sie, die über 70 Schülerinnen und Schüler. Erwartungsvoll. Neugierig. Und ganz ohne zu müssen. Denn dieser Termin ist keine Pflichtveranstaltung, sondern ein Herzenswunsch der Neuntklässler, die gerne einmal mit einem Zeitzeugen aus der Nazizeit sprechen wollten, mit einem, der erlebt hat, wie schlimm die Diktatur der braunen Schergen war.
Der Zeitzeuge ist Ernst Grube: 83 Jahre alt, gebürtig aus München, mit grauen Haaren, dichten Brauen und akkurat geschnittenem Schnauzer. "Den Herrn Grube hab' ich mir anders vorgestellt", wird eine Schülerin später sagen. "Irgendwie trauriger. Weil er doch so viel mitmachen musste im Leben." Und tatsächlich: Ernst Grube ist ein Mann, dem, wenn er lächelt, etwas Spitzbübisches ins Gesicht geschrieben steht. Als sei der braune Terror spurlos an ihm vorübergegangen. Doch dem ist nicht so. Die so genannten Spuren der Zeit scheinen bei dem 1932 als Sohn einer jüdischen Mutter und eines nichtjüdischen Vaters Geborenen nur recht gut verborgen zu sein.
Vor dem Gespräch legt sich Grube die Folien zurecht, von der in Schutt und Asche gelegten Münchner Synagoge beispielsweise, von Tante Erna, die in den Gaskammern von Belzec ermordet wurde, von ihm und seiner Frau in Theresienstadt vor der Gedenkstelle für die Opfer des NS-Terrors. Und dann beginnt er zu erzählen, während die Schüler seiner manchmal brüchigen, manchmal leicht heiser klingenden Stimme lauschen.

Heimat Kinderheim

Als die Münchner Synagoge in der Herzog-Max-Straße in Brand gesteckt und in der Folge abgerissen wird, wohnt der fünfjährige Ernst mit seiner Familie direkt daneben. Die Nazis wollen sie aus dem Haus vertreiben, stellen Wasser, Strom und Gas ab. Der Vater weigert sich - und muss doch irgendwann kapitulieren. Das Zimmer, in das die Familie ziehen soll, ist viel zu klein für fünf Personen. Was tun? Die jüngere Schwester ist gerade einmal vier Monate alt, als die Geschwister im jüdischen Kinderheim in der Antonienstraße in München-Schwabing untergebracht werden. Für die zuhörenden Schülerinnen und Schüler nicht vorzustellen. "Haben Sie später noch Kontakt zu Ihren Eltern gehabt, wo die Sie doch weggegeben haben?" "Das mussten sie ja", erklärt Grube. "Ich hatte zu meinen Eltern ein Bomben-Verhältnis, wenn ich einen solch militärischen Ausdruck benutzen darf." Überhaupt, die Zeit im Heim sei keine unglückliche gewesen, im Gegenteil. "Das Heim wurde in kurzer Zeit zur Heimat für mich. Die Frauen, die auf uns aufgepasst haben, wir nannten sie Tanten, waren sehr lieb", erklärt Ernst Grube, und auf seinem Gesicht liegt nun ein wehmütiges Lächeln. Warum die Erinnerung nicht nur schön ist, wird deutlich, als Grube weiterspricht. Denn schon früh spürt der Junge, dass er von an jetzt nicht mehr richtig dazugehört zum Rest der Welt.

Ausgeschlossen

Die Kinder müssen den gelben Stern tragen. Die ersten Deportationen setzen ein, denen er als Halbjude zwar zunächst entgeht, doch er muss mitansehen, wie seine Freundin Anita zusammen mit 22 anderen Kindern im Bus abtransportiert wird. Eine Tatsache, die der damals Neunjährige tagelang beweint und doch nichts daran zu ändern vermag. Wiedergesehen hat er seine damalige Freundin nicht. Grube besucht wie die anderen Kinder die Jüdische Volksschule in der Herzog-Rudolf-Straße, seine ehemalige Schule ist den "arischen" Kindern vorbehalten.
Doch inzwischen geht die systematische Ausgrenzung auch nicht mehr nur von Erwachsenen aus. Der Rassismus hat sich bereits tief in das Denken der Kinder aus der Nachbarschaft des Heims gegraben, die ihn auf der Straße beim Spielen beschimpfen und ihn nicht mehr mitspielen lassen, ihm "Hau ab, Saujud'!" entgegenbrüllen und ihn bespucken. An dieser Stelle seufzt Grube zwei-, dreimal. "Könnt ihr euch das vorstellen? Stellt euch das mal vor!" Grubes Stimme klingt jetzt aufgeregt. Er steht auf, humpelt - am Vortag hat er sich bei einem Sturz am Knie verletzt - um den Tisch herum, an dem er vorher gesessen hat. Er lehnt sich an den Schultisch, blickt in die Runde. Die Schülerinnen und Schüler schweigen betroffen.

Der Abtransport

Im April 1942 wird das Kinderheim schließlich aufgelöst und die Kinder mit ihren Betreuerinnen in das Sammel- und Deportationslager Milbertshofen im Münchner Norden gebracht. Ein "Ghetto", so Grube. 1945 wird er mit seinen beiden Geschwistern und seiner Mutter nach Polen ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Als ein Schüler wissen will, was das Schlimmste war, was die Nazis ihm angetan hätten, antwortet Grube: "Der Abtransport aus dem Kinderheim." Der vollkommene Verlust von Heimat. "Wussten Sie denn, dass sie ins KZ gebracht werden?", fragt eine Schülerin nach. Grube überlegt kurz, legt den Kopf etwas schief und antwortet mit leiser Stimme: "Das ist nicht mit einem Wort zu beantworten. Warum bringen die uns noch in ein Ghetto?, haben wir uns damals gefragt. Man hat uns nie gesagt, wir bringen euch um, es hieß immer nur, ihr kommt zum Arbeitseinsatz, deswegen müsst ihr weg." Nach einer Pause fügt er hinzu: "Wir wussten nichts, aber wir ahnten viel..."

Überleben - aber wie?

Wie kann ein Mensch das alles ertragen? Wie ein solches Lager überleben? "Wir Kinder sind abends auf unseren Stockbetten gesessen, zu viert oder zu fünft auf einer Britsche, und haben über unsere Ängste geredet, das hat mit Sicherheit geholfen." In den Gesichtern der Schülerinnen und Schüler ist nun Unsicherheit abzulesen. Dann war Theresienstadt gar kein Vernichtungslager, sondern "nur" eine Art Ghetto? "Die Gewalt gegen Menschen hat verschiedene Formen", antwortet Grube. "Theresienstadt wurde für 6.000 Personen eingerichtet, doch dort waren 40.000 bis 50.000 Menschen. War das ein Leben?"
Die Befreiung durch die Rote Armee rettet ihm und seiner Familie schließlich das Leben. Im Juni 1945 kehrt er nach München zurück, wird Malermeister wie sein Vater, holt das Abitur nach und unterrichtet an der Berufsschule angehende Maler. Es dauert Jahrzehnte, bis er offen über seine Erlebnisse sprechen kann. Nicht weil er nicht konnte. "Von der Gesellschaft war's nicht so erwünscht, dass die Überlebenden darüber reden. Das hat sich erst in den 70er-Jahren geändert."

Weiterleben mit Bestimmung

"Was denken Sie, ist Ihre Bestimmung im Leben?", fragt da eine Schülerin mutig zum Abschluss. Da nimmt Grubes Stimme wieder an Festigkeit zu. "Durch meine Berichte Wissen zu vermitteln, wie sich Dinge entwickeln, damit ihr aus diesem Wissen Schlussfolgerungen für das eigene Handeln ziehen könnt. Das Ziel ist: nie wieder Krieg, nie wieder Rassismus, nie wieder Faschismus! Egal, wie ein Lager genannt wird, es ist einfach eine abzulehnende Lebensform." Damals wie heute. Deswegen setze er sich auch für Flüchtlinge ein, denn er könne das Elend dieser Menschen nicht mitansehen, die unter teils menschenunwürdigen Bedingungen in Asylunterkünften lebten.
Applaus. Da sitzen sie, die über 70 Schülerinnen und Schüler. Etwas erschlagen wirken manche von den traumatischen Erlebnissen des 83-Jährigen. Andere scheinen noch nicht alle Fragen losgeworden zu sein. Die belagern den Gast anschließend, wollen noch mehr wissen. Es ist deutlich zu merken: Dieses Gespräch war wirklich ein Anliegen der Neuntklässler.


  

 

 

 

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