„Erinnerung muss aktiv gelebt werden“
 

Nachhaltiges Lernen nicht nur durch Computer: Die Bedeutung von Augenzeugengesprächen, außerschulischer Lernorte und fächerübergreifender Ansätze in der neunten Klasse.

Auch wenn wir uns in der Fachschaft darum bemühen, in jedem Schuljahr allen Klassen ein möglichst lebendiges und motivierendes Unterrichtsgeschehen zu bieten, und daher besondere Lernorte, Augenzeugengespräche, bzw. Museums- und Ausstellungsbesuche einbeziehen, kommt der Jahrgangsstufe 9 dabei eine ganz besondere Bedeutung zu. Gilt es doch einen – vorsichtig gesagt lehrplanmäßig gewagten - da extrem weiten geschichtlichen Bogen vom Beginn der Weimarer Republik, bis hin zum Mauerbau zu schlagen und damit vor allem auch die Zeit des III. Reiches aufzuarbeiten. Um dieser - zumal angesichts der wenigen zur Verfügung stehenden Stunden - großen Aufgabe gerecht zu werden, kommt es auch zunehmend zur Kooperation z. B. der Fächer Geschichte/Religion/Ethik, Deutsch und sogar Kunst. Im Idealfall liegen sogar mehrere Fächer in der Hand einer Person.

Ganz allgemein sei dies an einem Fallbeispiel der Klasse 9b in diesem Schuljahr gezeigt: Im Deutschunterricht konnte zunächst mit einer Ganzlektüre (Anna Seghers: Das Siebte Kreuz), in die Thematik des Widerstands und in das Spannungsfeld von Anpassung und Widerstand eingeführt werden: In dem Buch geht es um die Flucht von sieben KZ-Häftlingen und am Ende um den Beweis einer „Lücke“ in jedem System – z.B. durch menschliche Solidarität. Später folgte mit dem Projekt „politische Lyrik“ speziell eine Vertiefung zeithistorischer Texte. Die Bandbreite der Autoren reichte dabei von Bertolt Brecht (z.B. seiner Parodie des Horst Wessel-Liedes „Kälbermarsch“) über Hofmann von Fallerslebens „Lied der Deutschen“ bis hin zu Tucholskys Zeitkritik am Militarismus oder Paul Celans „Todesfuge“.

In Ethik wurde parallel unter dem Lehrplanziel „Gewissen und Handeln“ einmal der medizinethische Aspekt der sog. „Euthanasie“ behandelt. Es folgte die kritische Auseinandersetzung mit den NS Erziehungsidealen: Der Spielfilm „Napola“ zeigte mit der Geschichte der Freundschaft zweier Jungen den Konflikt zwischen der Forderung nach bedingungsloser Unterordnung in eine „Volksgemeinschaft“ und der Bewahrung einer individuellen Gewissensethik. Mit der Biografie der Hauptfigur aus „Schindlers Liste“ schließlich wurde der Wandel eines zunächst eher gewissenlos handelnden Geschäftsmanns hin zu einem von Kantscher Pflichtethik bestimmten Individuum verfolgt und der Horizont für das parallel im Geschichtsunterricht Behandelte bereitet.

Der Geschichtsunterricht wiederum startete gleich mit einem Augenzeugengespräch aller 9. Klassen (siehe gesonderter Bericht), auch wurden mit den Exkursionen zur Richter-Ausstellung, zur Gedenkstätte in Dachau bzw. zum neuen NS-Dokuzentrum gleich drei außerschulische Lernorte einbezogen. (Siehe ebenfalls die Trilogie der Einzelberichte).

 

Ein praktisches Beispiel für einen Versuch, zu einer gelebten Erinnerungskultur beizutragen, zeigt folgendes fächerübergreifendes Projekt (auch) an außerschulischen Lernorten:

Trilogie der Möglichkeiten

 

Teil 1: Gerhard Richters „Birkenau“ Serie (24.1.2017)

„Mich erinnern die Bilder an ein Schlachtfeld. Die ehemalige grüne Landschaft wurde überdeckt von Blut, Rauch und Tod. Man hat sich eingeschüchtert gefühlt.“

„Die Bilder lassen mich eigentlich nichts fühlen. Im Gegensatz zu denen die Tod, Hoffnung, Blut, Feuer darin sehen, sehe ich nur ein Bild mit Flecken. Doch wenn ich den Titel `Birkenau` höre, mich länger auf einen Punkt fixiere, bewegen sich die Flecken auf einmal wie Menschengestalten. Darum finde ich diese Bilder so genial. Es spiegelt sich Geschichte darin wider.“

24.1.2017: Ein eiskalter, frostiger Nachmittag. In drei Tagen ist Holocaust-Gedenktag. Die Schüler der Klasse 9 b unseres Theresien-Gymnasiums erleben gemeinsam mit mir in der BBK-Galerie der Künstler vier großformatige Werke des wohl bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Künstlers, Gerhard Richter. Der Verein Respect & Remember Europe e.V. hat dazu eingeladen. Basierend auf vier im berüchtigten KZ Auschwitz-Birkenau heimlich gefertigten schwarzweißen Fotos, die u.a. die Verbrennung von Leichen dokumentieren, fertigte Richter eine extreme Vergrößerung dieser Szenen, die er anschließend aber in einem monatelangen Prozess vielschichtig übermalte. Ein abstraktes Bild entstand. Basierend auf der Erkenntnis des Künstlers: „Das Undarstellbare kann man nicht darstellen!“

Und ganz so kommt die jeweils viergeteilte fotografische Reproduktion der originalen Ölgemälde bei den Schülern an. Sie formulieren es – wie oben - in selbstverfassten Texten: Die Wahrheit wurde mit so vielen verschiedenen Schichten bemalt, dass keiner mehr wirklich weiß, was passiert ist. Diese ganzen Schichten kann man auch so sehen: Jeder sieht das, was er sehen will. Was wirklich ist/war – wir werden es nie sehen können.“

Und weiter beginnt die Phantasie meiner Schüler zu assoziieren: „Weiß steht für mich für Asche und Tod. Die schwarzen Flecken sehen aus wie zusammengetriebene Menschen. Dadurch das alles verschwommen ist, wirken sie nicht sonderlich beachtet, genau wie damals, obwohl es um Millionen von Toten geht.“

„Birkenau überwältigt durch den hohen Schwarzanteil ist die Stimmung düster, Richter arbeitet mit Kontrasten: Schwarz-Weiß, Grün-Rot. Sie stehen symbolisch z.B. für das Sterben (rot) – aber auch die geringe Hoffnung (grün).

„Das eine Bild sah für mich aus wie das Meer, deshalb habe ich es in Verbindung gebracht mit der Flucht der Juden nach Israel. Bei einem anderen Bild sah es so aus, als würde eine Menschenmasse stehen, die dabei zuschaut, wie andere verbrannt werden“

Während die Kunsthistorikerin, Frau Dr. Opel, uns einfühlsam den Hintergrund und Entstehungsprozess der Bilder erklärt, folgen die Schüler aufmerksam, aber auch bedrückt. Viele von ihnen haben den Begriff „Holocaust“ oder „Shoah“ offenbar noch nie vorher gehört. Umso unmittelbarer ist die Konfrontation:

„`Die Bilder schreien mich an` – so etwas soll der Techniker, der sie aufgehängt hat, gesagt haben: Und auch ich empfand es so: Die Atmosphäre war angespannt, die Luft hing schwer, ich bekam Kopfschmerzen. Viel geredet habe ich nicht, ich wusste, was die anderen dachten, was sie fühlten: Wie konnte jemand solchen Anordnungen folgen? Hätte man auch mich in ein KZ gebracht? Könnte so etwas wieder passieren? Viele Fragen gibt es noch, die man in sinnvollen Sätzen aber nicht formulieren kann.“(Emma Kos)

Und Emma beschreibt dann weiter, wie schwer es für diese jungen Menschen ist, von der damaligen Zeit und ihren Schrecknissen zu erfahren und von einer Betroffenheit überwältigt zu werden, mit der die Jugendlichen erst einmal in ihrem „Jetzt“ umgehen lernen müssen: „Über jedes noch so kurze Aufflackern von Lachen von denen, die noch nicht hypnotisiert waren von den Fotos und den Gemälden war ich froh. Es ist wichtig sich zu erinnern, wie gut es uns jetzt geht: Wir sind fortgeschritten, haben unseren Homo Neandertalensis getötet und stehen hier als Homo Sapiens mit dem Schlüssel zur Bibliothek von Babel in der Hand. Wir sind die Generation Z, wir sind uns unserer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst und der Hoffnung: Der Weg ist geebnet, der Vogel fliegt zu Gott“

Vielleicht ist der hier am Ende aufklingende Optimismus berechtigt – hoffentlich. Besonders beeindruckt waren die Schüler auch von den Ausführungen, die uns die Hauptorganisatorin, Frau Meros, am Ende mit auf den Weg gab: Sie selbst ist Tochter eines Opfers der Shoah und berichtete vom Leben ihrer einst verfolgten Mutter und schilderte die Situation der traumatisierten Opfer bis heute. Eine Generation, die uns nicht mehr ewig ihre Erinnerungen überliefern kann – und, dass es daher um so wichtiger sei, dass der jetzigen Generation beigebracht wird, wie Erinnerung wachsen muss, wie sie „aktiv“ gelebt werden muss um lebendig zu bleiben und für die Zukunft wirken zu können. Ich selbst hoffe mit der Fachschaft Geschichte dazu beitragen zu können, dass uns dies gelingt.

Und es gibt angesichts unserer Zeit und Gesellschaft durchaus kritische Überlegungen der Schüler, die wiederum uns zum Nachdenken anregen sollten: „Die Bilder beschreiben nicht nur den II. Weltkrieg, sondern die ganze Geschichte und Gesellschaft. Alles wird verschleiert.“

Als Abschiedsgeschenk bekam dann jeder die Publikation: „Mit meiner Vergangenheit lebe ich“ – Der Holocaust Überlebende Ivan Lefkovits beschreibt darin unter anderem sein Projekt, in dem 15 Überlebende ihre Lebensgeschichten in 15 kleinen Heften niedergelegt haben – Gerhard Richter gab mit Ausschnitten seiner Bilder allen diesen Heften ein jeweils beeindruckendes Titelbild (vgl. Foto) Erschienen ist der Schuber im Jüdischen Verlag im Suhrkamp Verlag. Vielen Dank auch an unsere kompetente Führerin und an Frau Meros.

Teil 2: Der Besuch der KZ-Gedenkstätte Dachau (9.Februar 2017)

Einen Überblick über den Besuch des KZ Dachau der 9b bietet folgender Beitrag der Schülerin Sophie Gliese:

9.2.2017: An diesem eiskalten Vormittag fahren wir, die Klasse 9b, mit Herrn Fritz nach
Dachau in die KZ-Gedenkstätte. Während wir den Weg zum KZ gehen, wird die Stimmung
zunehmend düsterer und bedrückender, bis wir schließlich an dem Tor mit der zynischen
Aufschrift ankommen.
„Am Anfang war ich noch recht fröhlich und aufgedreht. Erst, als wir durch das Eingangstor
mit dem Satz ‚Arbeit macht frei’ gegangen sind und einen ersten Blick auf den großen Platz
vor den Baracken warfen, wurde mir bewusst, wo genau wir jetzt stehen.“ (Christiane Maier)
Ein paar Schritte weiter stehen wir auf dem kalten, trostlosen Appellplatz. Erst die Kälte
dieses frostigen Wintertages lässt mich verstehen, wie qualvoll es schon allein sein muss,
Stunden auf diesem Platz zu verharren.
Zuerst betreten wir das Museum und bekommen von Herrn Fritz einen Überblick über
Standorte und Anzahl der Konzentrationslager. Während wir die Habseligkeiten von KZHäftlingen
sehen, beginnen wir zu ahnen, dass diese Ereignisse keine fernen Geschichten
sind, sondern die harte Realität für Menschen vor nicht einmal 100 Jahren waren.
„Das ganze System, die Einteilung in Gruppen, die Vertuschung, das ist das Grausamste. Was
wäre gewesen, wenn ich in dieser Zeit gelebt hätte? Wäre ich auch in einem KZ gelandet?
Und meine Familie, die damals gelebt hat, welche Stellung hatte sie in diesem
unmenschlichen, grausamen System?“ (Christina Jäckle)
Diese und viele weitere Fragen stellt man sich beim Anblick der Fotos, beim Lesen der Texte
und Betrachten der Räume. Schließlich kommen wir in den Saal, in welchem der Film über
die Befreiung der Konzentrationslager durch die Amerikaner zu sehen ist.
„Am erschreckendsten war der Film. Erschreckender war, dass er echt ist“
„Den Film fand ich besonders berührend, da man Originalaufnahmen der Leichenberge und
der damaligen Bedingungen gesehen hat“
„Es ist unglaublich, dass der Film aus echten Aufnahmen bestand und nicht auf
irgendwelchen Erzählungen verfilmt wurde.“
Danach betreten wir den Bunker, den Ort mit Zellen für „Sonderhäftlinge“ wie Georg Elser.
Der lange, dunkle Gang erinnert eher an eine Irrenanstalt aus einem Horrorfilm als an einen
Ort, wo Menschen oft jahrelang gelebt haben.
Danach gehen wir weiter zu den Baracken, wo die Menschen ebenfalls eng an eng unter
miserablen hygienischen Bedingungen lebten. Während wir die Allee in Richtung der
Krematorien gehen, sind noch die Grundsteine der Baracken zu sehen, was noch einmal die
Größe dieses Geländes und die Dimension der Vernichtung offenlegt.
Je näher man diesem Ort kommt, desto bedrückender und finsterer wird die Stimmung. Als
wir in die Gaskammern gehen, breitet sich in mir ein Gefühl von Hilflosigkeit und Panik aus.
Das Wissen, dass an diesem Ort, wo ich jetzt stehe, Menschen hilflos gestorben sind, lässt
mich nicht mehr los.
„Am wenigsten weiß ich, wie es sich anfühlt, Stück für Stück zu sterben. Jeden Tag ein
bisschen mehr Schmerz zu fühlen und jeden Tag weniger Hoffnung zu haben.“
„Im Krematorium spürt man beinahe immer noch lebendige Seelen durch sich hindurch
gleiten, wie ein leichter, kalter Windstoß, der im Herbst die gold-orangenen Blätter von den
Bäumen trägt.“ (Jana Wassilowsky)
Als wir schließlich das Gelände verlassen, erholen wir uns langsam, aber die Erinnerung und
die Bestürzung bleiben.
„Man kann die Vergangenheit nicht ändern, aber aufklären kann man, die Schüler
unterrichten über solch ernste Themen, sie verstehen lassen, dass so etwas nie wieder
passieren darf.“
Für viele von uns hat der Besuch eine ganz neue Sicht auf bekannte Fakten eröffnet. Obwohl
wir persönlich keinen Anteil an diesen Ereignissen hatten und uns dafür auch nicht schuldig
fühlen sollten, hinterlassen diese Eindrücke doch Spuren.
Wir sollten das Leid von Menschen in dieser Zeit respektieren, in dem wir darüber sprechen,
anstatt es zu leugnen, es in Erinnerung behalten und unsere eigenen Schlüsse daraus ziehen.
- Sophie Gliese -

 

Teil 3: Besuch des NS-Dokumentationszentrums am Königsplatz (Ende Juni)

Als eine Art „Zusammenfassung“, Rückschau und Vertiefung des in diesem Schuljahr Erfahrenen, dient traditionell der Besuch im neuen NS-Dokumentationszentrum. Die Fülle der dargebotenen Materialien könnte einen fast verwirren, daher legen wir diesen Besuch auch immer ans Ende des Schuljahres. Die Ausstellung bietet einen einmaligen Querschnitt durch die betreffende Epoche der Geschichte und zeichnet sehr anschaulich an hervorragend ausgewählten Materialien ein sehr differenziertes und ausdrucksstarkes Bild von den Anfängen der einstigen NS- „Bewegung“ bis hin zu aktuellen Trends rechtsradikaler Entwicklungen. Bereits im letzten Schuljahr fiel das THG vor Ort durch die Disziplin und das besondere Interesse sowie durch die konzentrierte Ausdauer der Schüler beim Zuhören und Bearbeiten von Arbeitsaufträgen(damals war dies die Klasse 9a) äußerst positiv auf. Ich gehe garantiert davon aus, dass dies in diesem Jahr wieder genauso der Fall sein wird!

 

Für die Fachschaft Geschichte/Sozialkunde

Stephan Fritz

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